Wilfried Steiner: Bacons Finsternis
Der Schmerz steckte mir im Rücken, die Aufziehschraube einer mechanischen Puppe, und trieb mich ziellos voran.Ich buchte eine Führung auf Spanisch; es war beruhigend, nichts zu verstehen. Am Rand meines Gesichtsfeldes trieb es die riesigen Bilder vorbei, zwei Meter hoch, links und rechts, violette Päpste vor goldenen Bettgestängen, ringende Männerkörper auf gestreiften Matratzen, ausgeweidete Tierkadaver. Statt stehen zubleiben und mich der Betrachtung hinzugeben, folgte ich dem spanischen Grüppchen und unterzog das Schuhwerk der vor mir laufenden Frau einer eingehenden Prüfung. Grüne Pumps, weiches Leder, ein ideales Geschenk für Isabel. Um sie zu kriegen, müsste ich allerdings—
Mit einem Ruck blieb ich stehen. Da war was. Ich drehte mich nach links zur Wand.
Ein Mensch war da, dreimal nebeneinander. Auf der ersten zusammengesackt……….
Bacons Finsternis ist ein Buch, welches durch seine wechselnden Erzählstil, Kontraste erzeugt. Es ist fesselnd sobald es sich auf die Betrachtung innerer Welten, Gefühle und Eindrücke einlässt und verliert deutlich an Ausdruckskraft, sobald es in die Niederungen eines Kriminalromans Kontakt aufzunehmen versucht.
Diese Kapitel des Buches sind ärgerlich weil überflüssig. An manchen Stellen fragt man sich, ob hier eine neue Krimi Serien Figur a la Brunetti oder Montalban erschaffen werden soll. Dabei ist dies gar nicht notwendig. Es gelingt es dem Autor, die Lebensumstände einiger wichtiger Charaktere der Kunstgeschichte und Zeitgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts menschlich näher zu bringen.
Zur Handlung: Der gealterte Kulturmensch Arthur, seines Zeichens Inhaber eines Antiquariats und Vertreter einer bibliophiler Glaubensrichtung, liebt die jüngere, pseudo- Kulturschaffende Isabel, bis diese ihn nach 15 Jahren am Urlaubs-Ende, gewissermaßen beim letzten gemeinsamen Abendmal, ohne Vorwarnung eröffnet, dass ihre gemeinsame Zeit nun vorbei sei. Monatelanges Einigeln und sich im Schmerz Suhlen sind die Folge.
Der Schmerz findet seine Entsprechung in den Bildern Francis Bacons die er auf einer seiner wenigen Exkursionen dieser Phase in die Außenwelt im Kunsthistorischen Museum für sich entdeckt. Seine eigene finstere Lebenshaltung findet er in Bacons Malstil wieder.
Die erzählerische Wandlung vom Lamento des Verlassenen hinein in die Betrachtungen der Bilder und Lebensgeschichte von Francis Bacon fand ich äußerst gelungen und ansprechend. Er zitiert aus Sience-Ficton und Horrorstreifen und scheut sich nicht Vergleiche z.B. zwischen Alien-Filmen und der Malerei Bacons zu ziehen.
Über den Kunstsachverstand seiner Teilhaberin, einer ehemaligen Malerin, Maia, findet er mehr und mehr Zugang zu Francis Bacon und wird zum Pilger, zum „Suchenden“ in Sachen Francis Bacon und dessen Abgründen und Nihilismus, in dessen Finsternis.
Er reist von Ausstellung zu Ausstellung; Basel, Berlin bis ihm in der Tate Gallery London, Isabel mit einem anderen Mann über den Weg läuft und er unerkannt aus belauschten Gesprächsfetzen heraus zu erkennen meint, dass seine Isabel mit ihrem Neuen einen Kunstraub plant. Eifersucht, Paranoia, Rechtschaffenheit? Wie dem auch sei, Arthur beschließt mit Hilfe seiner Teilhaberin, Isabels neuem Liebhaber, einem Hamburger Lebemann, einen Strich durch die Rechnung zu machen.
Im weiteren Verlauf des Buches erfährt man Interessantes über die Kunstszene, Sammlern, Kunstraub und Kunst-Hehlerei. Nichts gegen einen weiteren Serienhelden der sich der Kunstkriminalität verschrieben hat. Dennoch über weite Strecken im Mittelteil des Buches tut sich der Autor keinen Gefallen von Banalitäten, wie welches Lokal er gegangen und bei welcher Flasche Wein er bei dieser und jener Nachforschung getrunken hat, erzählt. Es kommt wie Schleichwerbung rüber. Merchandise at it´s best.
Natürlich lässt sich das Buch auch als Tagebuch einer Krise begreifen.
Dann mutieren die Plattheiten des Alltags in der Mitte des Romans zu einem berechtigten Vehikel um zwischen den wesentlich essenzielleren Aspekten innerer Zustände, Betrachtungen und Ansichten hin und her zu wechseln.
Dankenswerter Weise fängt sich die Geschichte im Mittelteil. Denn das Bild um welches es sich letztendlich dreht, findet am Ende seinen Weg in die richtigen Hände.
Wilfried Steiner hätte gelingen müssen, seine poetischen kunstvollen Schreibstil zu einem Erzählstil über das gesamte Buch zu tragen um etwas wirklich Besonderes geschaffen zu haben.
Das Buch ist über die meisten Seiten eine sehr gut erzählte Parabel zur Kunstgeschichte.
Der Verknüpfung von Kunst und Kommerz, von der Liebe und Faszination zu Kunst und Sammlergier des letzten Jahrhunderts in reizvollen Episoden des Kunstbetriebes und fesselnden und gelegentlich poetischen zeitgeschichtlichen Details zu Francis Bacon und dessen Zeitgenossen.
Wilfried Steiner
Bacons Finsternis
2010. 288 Seiten
Format: 20,8 x 13,4 x 3 cm
€ [D] 19,90
ISBN-10: 3552061444
ISBN-13: 978-3552061446

