Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Verbrechen von Ferdinand von Schirach

Verbrechen von Ferdinand von Schirach

Schriftsteller sind eitel und Rechtsanwälte haben immer Recht!

Ein Freund hat mir mal erzählt, dass alle Schriftsteller vor allem eins sind, eitel!
Der muss es als Psychotherapeut ja wissen hab ich mir damals gedacht, bis mir aufgefallen ist das dies nicht nur bei Schriftstellern zutrifft, sondern diese Eigenschaft von den meisten Menschen in Anspruch genommen wird und die Beschreibung des Schriftstellers als eitel an sich daher eine Plattitüde ist.

Nun Herr Schirach ist kein Schriftsteller, er ist Rechtsanwalt und eine Plattitüde für Rechtsanwälte könnte daher lauten, dass diese immer Recht haben oder daran glauben immer Recht zu haben.

Herr Schirach ist nicht nur Rechtsanwalt, er ist Strafverteidiger und hat in den Erzählungen „Verbrechen“ einen Auszug von Fallbespielen seiner Karriere als Strafverteidiger geliefert.
Das diesen realen Vorkommnissen trotzt der ihnen eigenen Brutalität, für die Täter gelegentlich ein Happyend zur heraus springt, liegt dann halt an der Fähigkeit des Straf-Verteidigers.

Das Muster der Verteidigung, ein schwieriges Schicksal, Kindheit, seelische Grausamkeit, Misshandlung der unterschiedlichsten Art, führt dann zu exzessiven Resultaten, ist hier die bewährte Verteidigungsstrategie schlechthin.

Unwillkürlich stellt man sich auf Täterseite und so wie im Gerichtssaal beabsichtigt, erzeugt das Buch auch diesen Effekt beim Leser. Die Trennlinie zwischen Täter und Opfer wird unscharf.

Einige der Fallbeispiele sind skurril, oder skurril-brutal, oder nur brutal. Auf jeden Fall sind diese aber medienwirksam und nichts wirkt anziehender auf die Schaulust als eine zerstückelte Leiche (nicht nur metaphorisch gemeint). Hierin liegt vermutlich auch der Erfolg dieses Buches.

Doch trägt nicht nur die kalkulierte Befriedigung der Sensationslust und Gänsehaut zum Erfolg bei.

Uns Nichtjuristen fällt die Unterscheidung rechtlicher Aspekte der einzelnen Fälle schwer.
Das ist vermutlich auch gar nicht gewollt. Die plakativen Fälle sprechen eher moralische Aspekte unserer Rechtsrealität beim Leser an. Nicht immer erscheint der Jurist glücklich über seinen Erfolg. Trägt das Verständnis zur Tat zum Mitleid mit dem Täter bei?
Heißt der Schriftsteller/Rechtsanwalt die Tat gut?

Auf der ersten Ebene wird in diesem Buch die Sensations-Geilheit großflächig bedient. Sympathisch erscheint mir jedoch die zweite Ebene, die die Auseinandersetzung mit den Begriffen Recht und Gerechtigkeit beim Leser fördert. Der Einzelne erfährt Bedrohung und reagiert unterschiedlich. Manchmal nach Jahrzehnten wie im ersten Fall, manchmal professionell-spontan wie im Fall des Angriffs von Neonazis auf einen Profikiller.
Befindet sich zwischen den Zeilen der Verteidiger Schirach in moralischer Schwerelosigkeit zu Rechtsempfinden und Recht?

Der Verteidiger Schirach ist auch nur ein Mensch. Aus diesem Blickwinkel ist dieses Buch sehr zu empfehlen!

„Verbrechen“ Was ist Verbrechen und ist Verbrechen gleich Verbrechen oder ist Verbrechen ein Verbrechen? Alles eine Frage der Schuldfähigkeit – „Schuld“ das nachfolgende Buch ist ja auch schon auf dem Markt! Sollte ich das ebenso lesen und besprechen? Oder Sie?

Formulieren wir also den Anfang um:
Rechtsanwälte sind eitel und Schriftsteller haben immer Recht.

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Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper, 2009. 205 Seiten
Format: 21,2 x 13,2 x 2,6 cm
€ [D] 16,95
ISBN-10: 3492053629
ISBN-13: 978-3492053624

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