Aravind Adiga: Der weisse Tiger
“Der Verdächtige wurde zuletzt in einem Blau Karierten Kunstfaserhemd, einer orangefarbenen Kunstfaserhose und rostroten Sandalen gesehen …”So stand es auf dem Plakat mit den er einst gesucht wurde. Aber von Anfang an.
Das Dorf Laxmangarh im Bezirk Gaya ist die typische Idylle des indischen Hinterlandes. Landwirtschaft, kleine Dörfer, bescheidene Hütten, kein Strom, kein Wasser, Dreck, Armut, Krankheit und Korruption. Vor allem Korruption. Nur eines gibt es nicht, eine Zukunft für die Menschen dort.
Zumindest nicht für die meisten. Besonders paradiesisch ist für den kleinen Jungen Balram Halwai die Schule, mit der gut halbmeterlangen Eidechse vor der er sich so fürchtet und mit dem Lehrer der das Essensgeld der Schüler stiehlt.
Aber mit der Schule ist es für ihn eh bald vorbei, die Familie hatt Schulden bei einem der vier Bonzen im Ort und Balram muss nun für ihn arbeiten. Als Kohlenknacker im Teehaus.
Aber er hat Glück, denn er hat einen Traum. Fahrer möchte er werden und seine Familie bezahlt sogar den Führerschein. Freilich nicht ohne Hintergedanken, denn Fahrer verdienen nicht schlecht, zumindest im Vergleich zu den anderen Jobs die ein Junge aus dem Paradies bekommen kann. Dass er sein Geld komplett nach Hause schicken würde, daran zweifelt niemand.
So wird er schließlich Fahrer beim reichsten Mann im Dorf und geht mit ihm nach Dehli. Dort lernt er schnell dass ein Fahrer eigentlich ein Diener ist und nicht unbedingt der ranghöchste Diener.
Aber er kämpft sich durch und am Steuer eines Honda City entdeckt er eine Welt die er bislang nicht einmal vom Hörensagen kannte. Eine Welt voll Korruption, Prostitution, Drogen und Alkohol. Zuhause kommt schon lange kein Geld mehr an.
Immer mehr wird ihm klar, ganz Indien ist ein Hühnerkäfig. Die Hühner sehen wie ihre Artgenossen abgeschlachtet werden, aber keines versucht auszubrechen. Aber er will kein Huhn sein, er will der eine weiße Tiger sein, der in jeder Generation nur ein mal erscheint.
So nimmt das Schicksal seinen Lauf, er wird zum Dieb, zum Mörder und schließlich zum Unternehmer. Ein Schritt der in Indien nicht all zu groß zu sein scheint.
Aravind Adiga zeichnet in seinem Roman ein Bind von Indien, das so ganz anders ist als die Postkartenidylle aus dem Reiseprospekt oder die Welt der Europäer die in Indien arbeiten. Er zeichnet ein Bild von Armut, Verzweiflung und von Kakerlaken. Allerdings nie von oben herab, nie greift er die Menschen dort persönlich an.
Als Leser fühlt man sich hinein in den weißen Tiger, kann ihn verstehen. Auch dann noch, als er zum Mörder wird und das Leben seiner ganzen Familie aufs Spiel setzt.
Aravind Adiga
Der weisse Tiger
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010, 320 Seiten
Format: 19 x 12 x 1,8 cm
€ 9,90
ISBN-10: 3423139390
ISBN-13: 978-3423139397

