Sigrid-Ursula Follmann: Wenn Frauen sich entblößen
Mode als Ausdruckmittel der Frau der zwanziger JahreWie heißt es so schön: „Die goldenen Zwanziger“ – Charleston, Zigarettenspitze und Frauen mit Bubikopf prägen die Erinnerung. Doch weitaus mehr, als diese Klischees, haben die 1920er Jahre im Hinblick auf die Frauenentwicklung zu bieten. Das wird in dem Buch „Wenn Frauen sich entblößen“ von Sigrid-Ursula Follmann klar.
Denn die Emanzipation trat nicht erst mit Alice Schwarzer ihren Siegeszug an, sondern der „harte“ Kampf der Frauen fing schon nach dem ersten Weltkrieg an. Ohne Staatsbürgerrecht, reduziert auf das Muttersein und die Hausfrau am Herd, die auch nicht erwerbstätig oder künstlerisch produktiv sein sollte, begann in dieser Zeit das Aufbegehren, das vor allem in der Mode und dem Erscheinungsbild der Frau von damals zutage tritt. Eine „neue“ Frau wurde hier geboren, mit Vor- und Nachteilen.
Dabei stimmte das Bild, das in Modemagazinen und Illustrierten von dieser neuen Frau projiziert wurde, nicht unbedingt mit der Realität überein. Es waren Wunschvorstellungen der Medien und der Designer, die einen neuen Frauentyp optisch prägten. Die Frauen ihrerseits wollten raus aus der klassischen Rolle der Hausfrau und Mutter, ohne eigenständige Entscheidungskraft. Sie wollten und sie mussten arbeiten, gerade nach dem Krieg.
Das Äußere der Frau in den 1920er Jahren wirkt sehr maskulin und das ist auch beabsichtigt. Frauen strebten Gleichbehandlung und Gleichberechtigung an. Nicht nur in den „frauentypischen“ Berufen wollten sich die Frauen sehen – nein, auch Handwerk und Kunst sollten möglich sein. Doch die Türen waren in vielerlei Hinsicht zu. Das maskuline Auftreten, mit kurzen Haaren, Zigarette in der Hand, klaren Linien in der Kleidung, die weibliche Formen überspielten, sollte diese Gleichstellung zumindest in der Mode vermitteln. Viele Frauen eiferten diesem Bild, das von Illustratoren, Grafikern und Modezeichnern entwickelt wurde, nach, konnte doch so, allein durch die Kleidung, der Eindruck von der selbstständigen, unabhängigen und starken Frau entstehen. Doch der Preis für diese Optik war hoch. Die Figur knabenhaft und dennoch sportlich trainiert, kein Gramm zuviel auf den Rippen und Kleidung, die nur wenig Weibliches vorwies, waren für die Frauen dieser Zeit ungewohnt und dennoch aufregend zugleich.
Im Widerspruch dazu steht dann die völlige Nacktheit, die zur Glanzzeit des Revuetheaters bei den Frauen zur Selbstverständlichkeit wurde. Durch fehlende Ausbildung und mangelnde Chancen sahen viele ihre Zukunft, beeindruckt von Weltstars, wie Marlene Dietrich, im Film oder auf der Tanzbühne. Die Revuetheater boomten und Frauen fanden dort eine bezahlte Beschäftigung. Um die Aufmerksamkeit zu erregen, so, wie es Josefine Baker vorbildlich tat, ließen sie die Hüllen fallen, wurden zum Objekt der Begierde und erlebten ungeahnte Freiheiten. Doch der alltägliche Kampf um Anerkennung war hart und steinig.
Im Gegensatz hierzu stehen wieder die Frauen, die mit aller Macht für ihre Eigenständigkeit kämpften. Im Blaumann oder eher unauffällig bieder gingen sie ihrer Berufung nach. Die Erscheinung der „neuen Frau“ in den Medien nahm sich diese Eigenschaften zum Vorbild für ein Modebewusstsein, das nur einen Bruchteil der realen Frau in den 1920er Jahren zum Vorschein brachte. Der Kampf zwischen den Geschlechtern tobte und das auf mehreren Ebenen. Männer waren angezogen und gleichzeitig entrüstet über diesen „neuen“ Frauentyp.
Als Vorreiter für die Modewelt, in der wir uns heute bewegen, hat diese Zeit wichtige Meilensteine gelegt. Mit Kleidern können wir uns verwandeln, Täuschungen über die wahre Person hinter dem Stoff sind beabsichtigt und gewollt. Der Hosenanzug oder das Kostüm für Frauen sind aus der Geschäftswelt nicht mehr wegzudenken, symbolisieren sie doch Erfolg und Status. Wir können aussehen, als wären wir steinreich, haben aber in Wirklichkeit keinen Cent in der Tasche. Wir können Bilder erschaffen, die mit der Realität nicht viel gemeinsam haben.
Doch auch der unermüdliche Kampf der Frauen in den 1920er Jahren und danach hat das Frauenbild von einst revolutioniert. Frauen können entscheiden, Berufe wählen, in denen sie glücklich sind und ihr Leben selbst bestimmen. Sie sind weder Anhängsel eines Mannes, noch müssen sie sich unterwerfen.
Das Buch ist weit mehr, als der Titel erahnen lässt. Hier wird eine Zeitepoche sozialkritisch beleuchtet, die wir nur von dem gängigen Glamourbild aus Filmen und Erzählungen kennen. Was aber diese Zeit tatsächlich an Umbruch für die Gesellschaft der Frau gebracht hat, das wird hier sehr deutlich. Das Buch ist, trotz einiger lateinischer Ausdrücke und Fachbegriffe, so einfach verständlich geschrieben, das man viele Passagen sogar zwei oder dreimal liest, weil es sonst so schnell zu Ende ist. Mit exquisiter Recherche werden hier die Widersprüche, die zu dieser Zeit im Frauenbild herrschten, eindrucksvoll dargelegt. Viele Abbildungen unterstreichen den hervorragenden Text. Ein Stück Geschichte, von der es mehr geben sollte.
Sigrid-Ursula Follmann
Wenn Frauen sich entblößen
Mode als Ausdrucksmittel der Frau der zwanziger Jahre
Jonas Verlag, 1. Auflage 2010. 125 Seiten
Format: 24,4 x 17 x 1,2 cm
€ 20,00
ISBN-10: 389445430X
ISBN-13: 978-3894454302


