Ai Weiwei: So Sorry

So Sorry von Ai Weiwei und Mark Siemons

So Sorry von Ai Weiwei und Mark Siemons

Wen interessiert Kunst noch dazu wenn diese zeitgenössisch ist?
Zeitgenössisch was für ein antiquiertes Wort in Zeiten von DSDS?
Was sagt Kunst über unsere Zeit aus?
Warum sich überhaupt mit einem anspruchsvolleren Medium beschäftigen als RTL II und Konsorten?
Also, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wenn man sich mit „Otto-Normalverbraucher“ über zeitgenössische Kunst unterhält, auf Polemik, Vorurteil und Ahnungslosigkeit trifft (Vermutlich eher hoch, denn „Otto“ interessiert sich in der Regel kaum für dieses Thema.)
Warum sollte man also ein Begleitbuch zu einer Ausstellung im Haus der Kunst zur Hand nehmen und sich dem Risiko der Bestätigung von Vorurteilen zu moderner Kunst aussetzen, noch dazu wenn es größtenteils in Englisch geschrieben ist?
Warum ein Buch zu einer Ausstellung zur Hand nehmen, die längst vorbei ist?

Die Ausstellung des Künstlers Ai Weiwei trug dabei denselben Namen wie der Buchtitel. Das Ai Weiwei Chinese ist tut dabei zunächst einmal nichts zur Sache. Das sich Chinas Kunstszene aber schwer tut im Spannungsfeld zwischen Zensur und Konformität zu bestehen, liegt wohl daran, dass sich Kunst sofern diese nicht nur eine Kunst der Dekoration ist, ernst genommen werden will und deshalb ihre Freiheitsgrade und Popularität nötig hat. Ab diesem Moment wird das Betätigungsfeld der Künstler im Allgemeinen und in diesem Fall Ai Weiwei´s im Besonderen ein politisches und zwar schon deshalb weil es schmerzhaft ist den Finger in die Wunde zu legen.

Ein Statement abzuliefern, eine Haltung gegenüber Missständen beizubehalten selbst unter Bedrohung sich treu zu bleiben, das ist eine seltene Tugend. Deshalb wurde Ai Weiwei zusammengeschlagen, wiederholt bedroht und schwuppdiwupp, jetzt, ja jetzt ist er verschwunden.

Wer will schon über den Wert von Kunst streiten und Kunst um der Kunst willen streiten. Kunst dient der Wahrheit und Kitsch der Schönheit. Dazwischen sind die Grenzen fließend und das ist auch gut so.

Das Buch thematisiert auf zwei Ebenen. Da ist zum ersten die politische Brisanz des Politiker-Slogans der betrüblichen Anteilteilnahme und Solidarisierung mit Opfern eines Slogans der gerne auf allen politischen Ebenen missbraucht wird. Wie leid es ihnen tut (So Sorry), wenn zum Beispiel tausende von Schulkindern beim Erdbeben in Szechuan verschüttet und getötet werden, weil Bauvorschriften nicht eingehalten wurden und so eingespartes Geld in dunklen Kanälen verschwand.

Die Aussage der Verantwortlichen des „So Sorry“ – alias – mea culpa – alias – Betroffenheitsfloskel mit hohen inflationären Status als Synonym für die Folgenlosigkeit für jene die für Fehler verantwortlich zeichnen. China ist somit im Westen angekommen.

Warum Ai Weiwei´s Arbeit so wichtig ist, beruht wohl auf der offenen Auseinandersetzung mit Realitäten. Nicht immer übt er so eindeutige Kritik wie mit 7000 verschiedenfarbigen Kinderrucksäcken aus Plastik, indem er diese so anordnet dass sich daraus „Sie lebten 7 Jahre lang glücklich auf dieser Welt“.in chinesischen Schriftzeichen ergeben. (Zu sehen 2009 am Eingang des Hauses der Kunst in München).

Beim Lesen des Buches war Ai Weiwei noch frei, inzwischen hat ihn die Parteiwillkür eingeholt und niemand weiß wohin er verschleppt wurde.

Ai Weiwei´s Slogan: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst ist der zweite Strang an welchem sich „So Sorry“ orientiert. Die Kapitel sind teilweise kunsttheoretischen und kunstphilosophischen Betrachtungen untergeordnet und sortieren sich durch die Art des bearbeiteten Mediums.

Ai Weiwei reicht es nicht Kunst um der Kunst willen zu inszenieren, oder den Alltag oder Alltagsgegenstände zu verfremden und in Museen zu holen. Er transportiert mit seinen Aktionen Kunst in den Alltag. Freiheit besteht in einer Gesellschaft darin, Alles zu hinterfragen zu können.

In seinen Aktionen und seiner Kunst, spiegelt Ai Weiwei diverse Realitäten nicht nur aber vor allem seiner Heimat China. Wenn er zum Beispiel antike Vasen zerschellen lässt, erscheint uns dies auf den ersten Blick als barbarischer Akt. Dass im Zuge von Stadtmodernisierung zum Teil antike Holzhäuser ja ganze historische Stadtviertel gegen Stahlbetonbauten ersetzt werden, steht dem Gegenüber. Gemeinsam ist beiden der Schutthaufen der Geschichte, des Historischen Artefaktes. Nur Ai Weiwei ´s Schutthaufen ist kleiner. Aus diesen Schutthaufen entstehen dann bei Ai Weiwei´s Skulpturen. Wohnzimmergroße Figuren aus antiken Holzfenstern und Türrahmen der abgerissenen Häuser zum Beispiel.

Fotografien zu den Installationen, zur Fotografie, zu Arbeiten mit Keramik, Porzellan, Möbel, Holz und Architektur beschreiben seine Arbeiten und runden die Texte ab.

„Kreativität ist die Fähigkeit, die Vergangenheit abzulehnen, den Status Quo zu verändern und nach neuen Potentialen zu suchen“.

Damit hat der Koloss China hat offensichtlich Probleme. Unter Umständen ist Chinas kommunistisches Feudalsystem ein Auslaufmodell und Ai Weiwei´s Verschwinden hoffentlich einer der letzten Kollateralschäden. Der beste Schutz, wenn überhaupt, den man Ai Weiwei geben kann ist sein Verschwinden nicht tot zu schweigen und an seinen Statements fest zu halten.

I am so Sorry!

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Ai Weiwei und Mark Siemons
So Sorry
Prestel Verlag, 2009. 120 Seiten
Format: 24,4 x 20,1 x 1,3 cm
€ [D] 19,95
ISBN-10: 3791350145
ISBN-13: 978-3791350141

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