Abschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit
„Dorffriedhof oder Weltraum?“ – diese Frage trägt das Buch im Untertitel und lädt uns auf eine Reise zwischen Vergangenheit, Wünschen und harte Realität ein. Es ist keine einfache Reise, denn es geht um Sterben, Abschied und Bestattung.Vor wenigen Tagen war Allerheiligen. Viele von Ihnen waren vielleicht auf dem Friedhof, um verstorbenen Freunden und Verwandten wieder ein Stück näher zu sein und sich zu erinnern. Wenn Sie sich dabei umgeschaut haben, ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen? Hat sich der Friedhof in den letzten Jahren ein wenig verändert?
Treffen Sie immer noch so viele anderen Menschen hier wie früher? Wahrscheinlich nicht, weil die Trauerkultur in unserem Land sich in den vergangenen Jahren sehr stark verändert hat. Im täglichen Leben nehmen wir es gar nicht so wahr. Erst wenn wir selbst zu Betroffenen zählen, weil im persönlichen Umfeld jemand verstirbt, merken wir, wir schwierig es ist, alles richtig zu machen und fühlen uns damit oft überfordert.
Helena Düperthal, Dipl. Religionspädagogin, Trauerbegleiterin, Trauerrednerin und Mutter von sieben Kindern ist mit dem Thema des Abschieds bestens vertraut. Mit ihrem neusten Buch reicht sie uns die Hand auf der letzten Reise. „Mal sachlich klar, mal erzählerisch nähert sie sich diesem so oft unbeliebtem Thema streckenweise fast schon heiter und wünscht sich auf diesem Weg vor allem eines: Das vermehrt miteinander gesprochen wird. Gesprochen über die letzten Dinge des Lebens, damit einst nicht nur für den Sterbenden Wunsch und Wirklichkeit zusammentreffen…“
Beim Lesen des Buches sind in mir sehr unterschiedliche, häufig entgegengesetzte Emotionen aufgestiegen. Mal hatte ich geschmunzelt, mal schluckte ich die eine oder andere Träne der Berührung hinunter. Aber an einer Stelle ist mit sehr warm ums Herz geworden. Im Kapitel über teilweise in Vergessenheit geratene Bräuche und Rituale rund um den Abschied ist eine Versehgarnitur abgebildet, die Frau Düperthal wie folgt beschreibt: „Früher war es eben üblich, den Pfarrer zu holen für die „Letzte Ölung“ und dazu wurde das Sterbezimmer erst gerichtet.
Das bereitgehaltene Stehkreuz, die beiden Kerzenleuchter, der Buchsbaumzweig aus dem Garten und zwei Schälchen mit Salz und Brotkrumen wie auch das Krankenöl wurden zurechtgelegt mit 6 Wattebäuschen und einem Kommunion- wie auch Handtuch für den Pfarrer. Von den eigenen Eltern gelernt, wusste man, was zu tun war und benötigt wurde.“ Die abgebildete Garnitur kam mir sehr bekannt vor. Genauso eine hatten wir in meinem Elternhaus. Damals war sie für mich ein ganz normaler Gegenstand, der einmal, als meine Oma starb, benutzt wurde. Heute, nach über 45 Jahren ist mir bewusst geworden, wie weit ich mich von dieser Tradition entfernt habe. Beim nächsten Besuch bei meinen Eltern werde ich nach der Versehgarnitur fragen. Ich möchte sie in mein Leben zurückholen.
Jetzt bin ich ein wenig von der eigentlichen Rezension abgeschweift. Aber genau die Nähe zu eigenen Erinnerungen macht das Buch so einzigartig wertvoll. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, eine Mischung aus historischen Fakten, netten Erzählungen und praktischen Hinweisen auf die Möglichkeiten einen Abschied individuell zu gestalten zu kreieren. Ihr Sprachstil ist klar ohne aufdringlich, gefühlvoll ohne melancholisch zu werden. Zahlreiche Fotos, die teilweise exklusiv nur für das Buch genehmigt wurden, unterstreichen die dargestellten Fakten und helfen das Gelesene zu begreifen. Lediglich die Druckqualität der Bilder hätte ein wenig heller und kontrastreicher sein können, um ihre Wirkung noch besser hervorzuheben.
„Abschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ ist eine empfehlenswerte Lektüre mit Mehrwert, die man nicht nur an trüben Novembertagen in die Hand nehmen sollte.
Helene Düperthal
Abschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Lebensweichen Verlag, 2011, 192 Seiten
Format 20,4 x 12,8 x 2,2 cm
ISBN-10: 3981464214
ISBN-13: 978-3981464214



[...] welche Tradition es genau geht, das können Sie in der Buchrezension, die beim Buchleser erschienen ist, nachlesen. Dieser Beitrag wurde unter Abschied, Literatur, Trauerkultur [...]