Bach: Musik für die Himmelsburg

Für mich ist Johann Sebastian Bach einer der faszinierendsten Komponisten, ich habe einige Chorsachen von ihm gesungen, einiges auf dem Klavier und der Geige gespielt. Und mich überrascht immer wieder die Komplexität seiner Kompositionen und die Gefühle, die er damit – trotz aller Reglements, die er kompositorisch einzuhalten hatte – transportiert.

John Eliot Gardiner war in der Zeit, als ich viel in Chören gesungen habe, gerade ein aufstrebender Stern am Klassikhimmel und ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen über seine ganz andere Art, Bach zu spielen, auf Originalinstrumenten und ohne jegliches Pathos.

Aus diesen beiden Gründen musste ich dieses Buch unbedingt lesen.

John Eliot Gardiner beginnt das Buch mit seiner eigenen Beziehung zu Bach. Er erzählt von dem Bach-Porträt, das in der Wohnung seiner Eltern hing und ihm immer Furcht einflößte, wenn er auf dem Weg zum Kinderzimmer daran vorbeikam, von seinen ersten musikalischen Berührungen mit Bach im elterlichen Umfeld, seinem Studium und von der Gründung der English Baroque Soloists, mit denen er die historische Aufführungspraxis umsetzte.

Dieses erste Kapitel zeigt schon, dass sich das Buch in vielerlei Hinsicht von „normalen“ Biographien unterscheidet. John Eliot Gardiner nähert sich Johann Sebastian Bach auf vielfältige Weise, zunächst seine eigene Beziehung zu dem Komponisten, über das geschichtlich-gesellschaftliche Umfeld, in dem Bach aufwächst, über die Musikerfamilie Bach, über den lutherischen Glauben und natürlich über seine Musik.

Er beschreibt das schwierige Verhältnis von Bach zu seinen Brötchengebern, was den genialen Musiker auch menschlich erscheinen lässt. Bach war eben nicht „der fünfte Evangelist, den seine Landsleute im 19. Jahrhundert in ihm sahen, die leibhaftige Verkörperung eines tiefen Glaubens…“, sondern eben auch ein Mensch mit Ecken und Kanten, der auch von  „…aufbrausend und gereizt von seinem Naturell her reagierte, wann immer er das Gefühl hatte, dass seine Autorität als Musiker und auserwählter Diener Gottes in Frage gestellt wird…“.

John Eliot Gardiner nimmt den Leser mit an die Werkbank Bachs, man erfährt, wie Bach gearbeitet hat, unter Zeitdruck, immer darauf bedacht, Papier zu sparen und mit dem Lärm der an die Wohnung angrenzenden Schule. Er nähert sich dem großen Komponisten über seine Werke, die Kantaten und Passionen. Dabei bleibt er immer in der Zeitschiene und erzählt chronologisch.

Das Buch ist fast in einem Plauderton geschrieben, allerdings in einem sehr umfangreichen Plauderton. Oft ergeht sich John Eliot Gardiner in vielen Details, vor allem, wenn es um die Musik geht. Fast eineinhalb Seiten widmet er der 22-stimmigen Vertonung der Worte aus der Offenbarung des Johannes „Es erhub sich ein Streit“ von Christoph Bach, dem Großcousin von Johann Sebastian, und er beschreibt das Stück so plastisch, dass ich mir auf YouTube eine Aufnahme anhören musste. Hier verbindet sich der Musiker John Eliot Gardiner mit dem Schriftsteller auf wunderbare Weise.

Bach: Musik für die Himmelsburg hat mich beim Lesen manchmal wirklich an meine Grenzen gebracht. Vor allem der Detailreichtum und die Abschweifungen, die immer im Dienst der Sache stehen, haben es mir nicht einfach gemacht dranzubleiben, weshalb ich manchmal auch ein bisschen quergelesen habe.

Allen, die nichts mit Musik am Hut haben und nur mal eine Biographie von Bach lesen möchten, sei von diesem Buch abgeraten. Dazu ist es zu detailliert und auch zu fachlich. Man sollte schon einiger musikalischer Fachbegriffe mächtig sein, ansonsten verliert man ganz schnell die Lust am Lesen. Musiker und Musikinteressierte werden dieses Buch aber genau wegen der Detailverliebtheit und der fachlichen Kompetenz von John Eliot Gardiner lieben.

John Eliot Gardiner hat hier eine Meisterleistung an Recherchearbeit hingelegt und zeigt in Bach: Musik für die Himmelsburg den Menschen Johann Sebastian Bach, wie es noch keine andere Biographie getan hat.

John Eliot Gardiner: Bach: Musik für die Himmelsburg
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2016, 760 Seiten, Format: 15,4 x 4,7 x 21,8 cm
ISBN-10: 3446246193, ISBN-13: 978-3446246195

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