Die Terranauten

Vier Frauen und vier Männer, eingesperrt in einer riesigen Biosphärenkuppel, wenig bis gar keine Freizeit, wenig Privatsphäre, reduzierte Kalorienzufuhr, kein Entrinnen und das für ganze zwei Jahre. Da ist es verständlich, dass es irgendwann menschelt und zwar auf nicht gerade auf positive Art und Weise.

Mission Control, ein privates Unternehmen, möchte testen, ob ein Überleben außerhalb dieser Erde möglich ist, und vor allem, was nötig ist, in einem komplett in sich geschlossenen Ökosystem zu überleben. Hochgezogen wird das Ganze in Arizona, dort wird eine riesige, künstliche Biosphäre errichtet mit Anbauflächen, einem künstlichen Meer, einem Urwald, Viehwirtschaft und allem, was man zum Überleben so braucht.

Einziehen sollen in Ecosphere 2 vier Männer und vier Frauen, die allesamt auf einem Gebiet Spezialisten sind und einem strengen Auswahlverfahren unterliegen. Und genau hier beginnt das Buch. Die Crew von E2 wird ausgewählt. Für zwei Jahre in die künstliche Welt ziehen:

Dawn Chapman, Nutztierwärterin
Tom Cook, Technosphäre-Supervisor
Gretchen Frost, Wildbiotopsupervisorin
Diane Kesselring, Kapitänin und Nutzpflanzensupervisorin
Richard Lack, Missionsarzt
Troy Turner, Leiter des Bereichs Analytische Systeme
Stevie van Donk, Spezialistin Meeresökologie
Ramsay Roothorp, Kommunikationsoffizier und Leiter des Bereichs Wassermanagement

Erzählt wird die ganze Geschichte rund um Ecosphere 2 von Dawn, Ramsay und Linda, die zwar bis zur letzten Auswahlrunde gekommen ist, aber von Dawn aus dem Rennen gekickt wurde. Linda erzählt also aus der Perspektive in der natürlichen Welt und Dawn und Ramsay erzählen aus der künstlichen Welt.

Dawn ist rotzig, flippig, nimmt das Ganze am Anfang nicht ganz so ernst. Ramsay ist der pragmatische Typ, für ihn steht die Mission an allererster Stelle (die Luftschleuse wird unter gar keinen Umständen geöffnet). Linda ist zynisch, durchtrieben und intrigant. Für sie steht an oberster Stelle, dass sie einen Platz in Ecosphere 3 erobert, und das um jeden Preis. Sie und Dawn sind eigentlich beste Freundinnen, aber die Freundschaft weicht im Laufe der Geschichte immer mehr ihrem Egoismus.

Erzählt wird dieses 600-Seiten-Werk in vier Etappen: Vor dem Einschluss, Einschluss. Jahr eins, Einschluss. Jahr zwei und Wiedereintritt. Dawn, Ramsay und Linda kommen immer abwechselnd zu Wort, was dem Leser einen guten Rundumblick gewährt, weil jeder aus seiner Warte die gleichen Ereignisse kommentiert.

Und Ereignisse gibt es genügend, die es zu kommentieren gilt. Es gibt Krisen, weil alle von der reduzierten Kalorienzufuhr und von der wenigen Freizeit zermürbt sind. Es gibt einen Stromausfall, der die Temperatur in E 2 bedrohlich ansteigen lässt, woraufhin sich die Gruppe in zwei Lager spaltet, diejenigen, die für eine Öffnung der Luftschleuse sind, weil die Gesundheit aller auf dem Spiel steht, und denjenigen, die unter allen Umständen diese Mission durchziehen wollen. Es gibt natürlich auch das eine oder andere Techtelmechtel zwischen den Crew-Mitgliedern, was wiederum Eifersüchteleien nach sich zieht. Und als Dawn von Ramsay schwanger wird, wird der Zusammenhalt der Crew auf eine harte Probe gestellt.

Beobachtet wird alles, was in E 2 passiert, von außen. Tag und Nacht sitzen Mitarbeiter, auch Linda, vor Bildschirmen und beobachten und dokumentieren alles, was die Kameras in E 2 aufzeichnen. Die E 2 – Crew wird von den Machern von E 2 kontrolliert und manipuliert. Und dass diese Macher wirklich die Allmacht besitzen wird hervorragend deutlich durch die Namen, die die Crew den Machern gibt: Gottvater, Gott Mammon, Jesulein und Judas sind die Drahtzieher von E 2.

C. Boyle erzählt das alles in einem sarkastischen, zynischen und auch poetischen Ton. Und dadurch dass Dawn, Ramsay und Linda den Leser direkt ansprechen, baut man schnell eine Beziehung zu den Figuren auf, man leidet mit den Figuren mit, man ist direkt im Geschehen. Es ist fast, als wäre man selbst ein Crewmitglied.

Die 600 Seiten lassen sich hervorragend hören, vor allem durch die brillante Besetzung der Sprecher. Eli Wasserscheid trifft genau den richtigen rotzigen, leicht uninteressierten Ton, der super zu Dawn Chapman passt. August Diehl verleiht Ramsay die passende Sturheit. Und Ulrike C. Tscharre lässt Linda Ryu als Zynikerin, die sich hinter einer liebenswürdigen Fassade versteckt, lebendig werden.

Den Schluss des Buches fand ich zwar etwas nichtssagend, aber nichtsdestotrotz bekommt dieses Hörbuch von mir auf jeden Fall ein „unbedingt anhören“.

T.C. Boyle: Die Terranauten
der Hörverlag, 2017, Gekürzte Lesung, Format: 14,2 x 1,4 x 14,6 cm
ISBN-10: 3844523847, ISBN-13: 978-3844523843

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