Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

„Es klang, als mampfte jemand sehr kleines unablässig Selleriestangen.“, so beschreibt Elisabeth Tova Bailey das Geräusch einer Schnecke beim Essen.

Als Elisabeth Tova Bailey von einer Reise in Europa zurück nach Amerika kommt, erkrankt sie schwer. Die Ärzte wissen nicht, ob es sich um eine Virusinfektion oder eine bakterielle Infektion handelt und können sie nur schwer behandeln. Elisabeth erlebt Phasen der Genesung, die bald wieder von Rückschlägen eingeholt werden. Sie wird aus ihrem aktiven Leben mit Segeltörns, Wanderungen und Arbeit gerissen, ist ans Bett gefesselt über Jahre und fühlt sich nutzlos. Sie wird in einem Studio untergebracht, das ihre Pflege erleichtert. Und dorthin bringt ihr eine Freundin ein Ackerveilchen, in dem eine Schnecke sitzt.

Zunächst weiß sie nicht, was sie mit dieser Schnecke machen soll. Sie fühlt sich überfordert, wie soll gerade sie, die noch nicht einmal aufstehen kann, die Verantwortung für eine Schnecke übernehmen? Da ihr nichts Anderes übrigbleibt, sie kann die Schnecke ja nicht den Wald zurückbringen, beginnt sie, die Schnecke zu beobachten.

Sie beobachtet, was die Schnecke frisst, wann sie aktiv ist, dass ihr die Erde aus dem Gemüsegarten nicht gefällt und schließt Freundschaft mit dieser Schnecke.

Durchsetzt wird die Erzählung über die Schnecke mit Erinnerungen an ihr eigenen Haus, ein Bauernhaus aus den 1820er Jahren, mit Erinnerungen an ihre Großeltern, die sehr detailreich und farbig beschrieben werden.

Elisabeth befällt ein Gefühl der Nutzlosigkeit, liegt sie ja den ganzen Tag nur herum, während ihre Bekannten Kinder groß ziehen und ihren Karrieren nachgehen. Aber die die Schnecke schafft es, Elisabeth aus ihrem Gefühl der Nutzlosigkeit herauszuholen, sie schläft schließlich auch tagsüber und tut nichts.

Die Schnecke ist wie ein Sinnbild von Elisabeth‘ Leben. Elisabeth ist eingesperrt in dem Studio und wurde aus ihrem „natürlichen“ Umfeld herausgerissen. Die Schnecke wird aus ihrer natürlichen Umgebung, dem Wald, herausgerissen und schließlich von Elisabeth in ein Terrarium gesperrt. Durch die Beobachtung der Schnecke, die sich mühelos an ihren neuen Lebensraum anpasst, kann auch Elisabeth allmählich ihre Situation annehmen.

Die philosophischen Betrachtungen werden ergänzt durch allerlei Wissenswertes über die Gastropoden, denen die Schnecke angehört. Denn Elisabeth beginnt sich mit der Gattung der Gastropoden auseinander zu setzen und lässt ihre Leser bzw. Hörer an ihren Erkenntnissen teilhaben.

Ein zauberhaftes, poetisches Buch, das – wie die Schnecke – Geschwindigkeit aus dem Leben nimmt, wenn man sich darauf einlässt, wunderbar entschleunigend und anmutig gelesen von Barbara Stoll.

Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
Verlag Herder, 2016, Audio CD, Format: 13,5 x 1,3 x 21,5 cm
ISBN-10: 3451351455, ISBN-13: 978-3451351457

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