Feierabend! – Warum man für seinen Job nicht brennen muss

Eine wunderbare Streitschrift ist dieses Buch. In Zeiten, in denen man in der Arbeit seine Berufung finden muss, sich selbst verwirklichen, glücklich sein muss, kommt einer und behauptet, nicht die Arbeit macht uns unglücklich, sondern genau all diese Lügen, die über die Arbeit kursieren, und all die Erwartungen, die wir selbst und andere an unsere Jobs stellen.

Ich war lange genug im Online-Business tätig, um all die Sprüche zu kennen: Raus aus dem Hamsterrad, Verwirkliche dich selbst in deiner (selbständigen) Arbeit, Finde deine Berufung, usw. usw. Und lange genug bin auch ich meiner Berufung hinterhergehechelt und habe gutes Geld ausgegeben, um sie letztendlich doch nicht zu finden. Oder vielleicht doch? Und zwar genau darin, dass ich in meiner Freizeit das tue, was mir Spaß macht (z.B. Musik), und inzwischen einen Job habe, der mir gefällt, den ich gerne mache, aber für den ich mich nicht verzehre und verbrenne.

Als dieses Buch von Volker Kitz im Regal der Buchhandlung stand, in der ich arbeite, wusste ich, dass ich das auf jeden Fall lesen werde.

Schon die Zusammenfassung auf der Rückseite hat mich fasziniert:

„Gesellschaftlicher Konsens ist: Nur wer leidenschaftlich arbeitet, liefert gute Ergebnisse und wird glücklich. Doch Millionen Menschen fragen sich: Was läuft falsch bei mir, wenn ich bei der Arbeit keine Leidenschaft spüre? Und wo sind die »spannenden Herausforderungen«, von denen alle sprechen?“

All dieses Gefasel von Leidenschaft, Glück, Herausforderungen betrachtet Volker Kitz in seinem Buch mit dem Seziermesser.

Er beginnt mit der Entwicklung der Arbeit. Die Urmenschen interessierte der Begriff Arbeit herzlich wenig, in der Antike war es schick, nicht zu arbeiten, erst Luther erklärte die Arbeit zum Beruf und zur Bestimmung des Menschen. Von da an war der Begriff Arbeit ideologisch aufgeladen.

Und dann schaut sich Volker Kitz all die Begriffe, die heute als so schick im Zusammenhang mit Arbeit gelten, an. Arbeit als Herausforderung, Arbeit als Selbstverwirklichung und Spiel, Spaß und Spannung. Das reinste Überraschungsei!

Die Realität sieht anders aus. Die wenigsten Deutschen brennen für ihren Job, gerade mal 15% geben an, dass sie sich so mit ihrem Unternehmen identifizieren, dass sie genau dieses Überraschungsei geknackt haben. Und was ist mit dem Rest der arbeitenden Bevölkerung?

Sukzessive nimmt Volker Kitz die „Lebenslügen des Arbeitslebens“ mit dem Seziermesser auseinander: Leidenschaft, Herausforderung, Gestalten, Sinn, Selbstverwirklichung, Wichtigkeit, Menschen. Und er bringt immer wieder tolle Beispiele, die den Widersinn dieser Arbeitslügen zeigen.

„Millionen sitzen im Büro, stehen am Fließband oder kriechen mit einem feuchten Tuch auf dem Boden herum und fragen sich: Was läuft falsch bei mir, wenn ich dabei keine Leidenschaft spüre? Sie suchen, grübeln und verzweifeln, weil in ihrem Leben etwas nicht ‚stimmt‘.“

„Möchten Sie mit einem Piloten fliegen, der vor dem Start verkündet: ‚Dieser Flug ist eine Herausforderung für mich‘?“

Volker Kitz singt ein Lob auf Dienst nach Vorschrift, weil diejenigen, die ihren Job und nur ihren Job machen, es sind, die ein Unternehmen am Laufen halten, auf Routinearbeiten, weil auch die dafür sorgen, dass es läuft, und er stellt die provokante Frage „Wenn Ihre Arbeit so toll ist, warum werden sie dann dafür bezahlt?“

Dieses Buch ist ein wichtiges und befreiendes Buch in einer Kultur des „immer mehr und immer weiter“ im Arbeitsleben, in einer Kultur, die diejenigen missachtet, die einfach nur ihren Job machen, ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Arbeitswelt und ein kleines Stück mehr Wertschätzung gegenüber den 75%, die eben nicht für ihre Arbeit brennen.

Volker Kitz: Feierabend! – Warum man für seinen Job nicht brennen muss
FISCHER Taschenbuch, 2017, 96 Seiten, Format: 12,5 x 0,9 x 20,5 cm
ISBN-10: 3596297966, ISBN-13: 978-3596297962

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